Aus OÖ-Nachrichten vom 18.März 2005

Richard Billinger "Haben Sie was vom Billinger?", frage ich den Buchhändler. "Sie meinen, ob ich was Billigeres habe?", lautet die Antwort. Dabei war Billinger noch vor dreißig Jahren der Weltdichter des Innviertels.

Richard Billinger wurde am 20. Juli 1890 in St. Marienkirchen bei Schärding geboren. Die Darstellung der im Wandel befindlichen bäuerlichen Welt seiner Innviertler Heimat kennzeichnet sein Werk.

Billingers Kindheit: Bäuerliches Tagwerk auf den Feldern des Vaters, Mithelfen im Krämerladen der Mutter. Der Bub soll Priester werden, verlässt das Linzer Petrinum, absolviert das Gymnasium Ried und studiert in Innsbruck, Kiel und Wien Philosophie und Germanistik - ohne Abschluss. Er will Zirkusathlet und Boxer werden, aber seine Leidenschaft für die Literatur ist stärker. 1928 macht er sich bei den Salzburger Festspielen mit seinem "Perchtenspiel" einen Namen.

Entdeckt wird er 1922 im Wiener Café Museum. Dort hört ihn die Tänzerin Grete Wiesenthal mit gedämpfter Stimme eigene Verse rezitieren. Sie spricht ihn an, vermittelt ihm die Freundschaft Hugo von Hofmannsthals. Auf dessen Schlösschen in Rodaun trägt Billinger seine Gedichte vor.

Er dichtet eruptiv, stoßweise. Mit erdigen Bauernliedern ("Wir Bauern dulden keinen Spott/An unserem Herrn und Meister Gott!") ergötzt er die Nazis, die er andererseits mit brünstigen Hymnen auf Faune und schöne Klosterbrüder irritiert. Der zwei Meter große Kraftlackel ist homosexuell und entgeht 1935 in München nur knapp einer Verurteilung.

Als NS-Mitläufer war Billinger ein literarischer Spitzenverdiener. Nicht gut weg kam er bei seinem Kollegen Carl Zuckmayer, der im Exil für die US-Regierung boshafte Porträits seiner in Nazi-Deutschland verbliebenen Kollegen verfasste. In Zuckmayers Geheimreport wird Billinger als "degenerierter Bauer, parfumierter Landmann und dörflicher Decadent" charakterisiert. 30 Jahre später rückte Zuckmayer das Bild zurecht, reihte Billinger unter die "zu Unrecht Vergessenen" ein.

Als Lyriker wollte Billinger "zu Urworten gelangen, die wie Gebete klingen müssen". Mit seinen Dramen "Rosse", "Rauhnacht" (beide 1931), oder "Die Hexe von Passau" (1935) wurde er weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt. "Der Gigant" wurde zur Vorlage für den Prag-Film "Die Goldene Stadt". Es waren barock angelegte Theaterstücke, die Billinger mit ihrer Mischung aus dämonischer Sinnenfreude und Gläubigkeit neben Zuckmayer zum meistgespielten Bühnenautor machten.

Mit Romanen wie "Leben aus Gottes Hand" (1935), "Das verschenkte Leben" (1937) und Drehbüchern (für Luis Trenker und Leni Riefenstahl) etablierte sich der "Innviertler Dionysos" als Erzähler, schrieb nach dem Krieg zahlreiche Hörspiele. Er ließ sich in Niederpöcking am Starnberger See nieder, lebte dort mit seinem Lebensgefährten inmitten prächtiger Bauernmöbel, farbiger Gläser, Madonnenstatuen und Masken.

Den Lebensabend verbrachte er in Linz, wo er in Gasthäusern seine Gedichte in die Runde der Zecher hineinzubrüllen pflegte. Der oberösterreichische Landtag unterstützte ihn auf Lebenszeit mit einer monatlichen Ehrengabe von 2000 Schilling. Richard Billinger erlag am 7. Juni 1965 in Linz einem Herzinfarkt.

Auf Billingers Spuren
• Ehrengrab des Landes Oberösterreich in Hartkirchen
• Richard-Billinger-Gedenkstube in der Volksschule St. Marienkirchen bei Schärding mit Porträits, Fotos, Handschriften

• Richard-Billinger-Weg in Ried/Innkreis, Richard-Billinger-Straße in Münzkirchen
• Billinger-Gemälde von Sergius Pauser, Innviertler Künstlergilde
• Billingers Nachlass am Stifter-Institut in Linz

OÖ-Nachrichten vom 18.03.2005